SchreibHAFT: Gedanken an Weihnachten

Gedanken an Weihnachten

Weihnachtliche Gefühle und Gedanken schon im November. Die Süßwarenindustrie wirft Tonnen von aus Schokolade oder ähnlichem Süßkram geformten Nikoläusen, Christstollen, Baumschmuck usw. auf den Markt. Weihnachtsmärkte öffnen ihre Pforten, meine Güte, Glühwein mit Schuss, lange vermisst, Ries­en­brat­würste und heiße Kastanien locken, leider nicht vergeblich. Ich riskiere deutliche Gewichtszunahme und einen verdorbenen Magen, mache aber leidenschaftlich mit. Und schon kommen, wie jedes Jahr, Gedanken, die mich nach dem Sinn der Weihnacht suchen lassen. Der Kommerz, die Kalorienbomben und der Trieb, alle möglichen Menschen der Familie, möglichst auch noch den Bekanntenkreis, mit teuren Geschenken zu überraschen, schieben Gedanken an Weihnachtszeiten in früheren Jahren der Kindheit beiseite. Es fällt eine zunächst sonderbare Leere im Gefühlsleben auf. Es scheint sonst nichts da zu sein, dass das Weihnachtsfest sinnig machen könnte. Diese Sinnleere macht Kopfweh, macht ein schlechtes Gewissen, macht hilflos. Es muss doch einfach noch etwas übrig sein, dass zwar alle Auswüchse des Profitdenkens der Weihnachtszeitumsatzmilliardäre erklärt und akzeptabel macht, aber die geistige, gefühlsmäßige Weihnachtsfreude erhält und auch erstrebenswert macht. Die Geburt eines Gottes, des einen Gottes bzw. seines Sohnes (woher hat Gott ein Kind und überhaupt warum) lässt Nachdenklichkeiten stringent aufkommen. Die christliche Religion gibt darauf keine Antwort, die mir erinnerlich wäre, der Erlöser kommt als Jungfrauengeburt zur Welt und gut. Ein schönes Bild, die Nacht der Geburt, Engel, Hirten, ein Stern, ein Stall, dort Ochs und Esel, die Wärmespender, ein gehörnter Josef und natürlich die unschuldige, dennoch schwangere Maria. Ich habe schon als Kind verwundert die Weihnachtsgeschichte gelesen, war bei weitem nicht umfassend gebildet oder aufgeklärt. Ich hatte aber Bedenken, diese Geschichte zu glauben. Mein Interesse am Orient, entstand schon früh. Wie und warum ist einem Buch geschuldet gewesen, "Jahrtausende steigen ans Licht" hieß es. Archäologische Funde, insbesondere im Orient, wurden dort beschrieben. Danach war es dort heiss und es gab keinen Schnee, soweit ich mich erinnern konnte. Bekannt aus anderen Publikationen, meist unter der Schulbank von Schüler zu Schüler weitergereicht, waren mir Zeugung und Geburt eines Kindes geläufig. Von Jungfrauengeburt, kein Wort.

Dennoch tat das Faktenwissen meinem Glauben keinen Abbruch. Dennoch legte ich mir immer mal wieder die Frage vor, warum Gott, Gottes Sohn, auf so fragwürdige Art und Weise auf die Welt kam. Seltsamerweise boten mir die Heiligen Drei Könige, die etwas Glanz ins Stallgeschehen jener Nacht brachten, Halt und Stärkung, machten die Weihnachtsgeburt zu einem lang erwarteten, mich verzaubernden Ereignis. Es war das Ereignis des Kirchenjahres.

Irgendwann interessierte mich das Aufdieweltkommen Gottes nicht mehr so sehr, bzw. hatte ich dann doch Erwachsenenzweifel an der Richtigkeit der erzählten Vorkommnisse jener Nacht. Heute bin ich überzeugt, dass meine weihnachtliche Freude ihren Ursprung im kirchlichen Geschehen hatte. Die feierlich, festlich gesungenen Lieder, die Zeremonien dazu, die ein Gottesdienst, insbesondere der der Christmette, also der mitternächtlichen Eucharistiefeier am Weihnachtsabend, in der festlich geschmückten Kirche, Freude und Andacht begründeten, wurden noch gesteigert durch das Vergnügen des Schenkens und Beschenktwerdens. Die Katholiken haben einfach die besseren Lieder, so ein Ausspruch von Harald Schmidt. Wie wahr.

Spielte das Wetter mit, kalt musste es sein, möglichst Schnee musste fallen und die Welt in unschuldiges Weiß hüllen, Gedanken an heißes Wüstenklima am Originalschauplatz kamen erst gar nicht auf. Ich empfand Winterwetter für meinen Traum der Weihnacht genau richtig und angemessen. So ist es richtig, dachte ich, wenn es richtig war. Trotzdem, warum mir in dieser Zeit so warm ums Herz war und warum ich in dieser Zeit manchmal glücklich weinen wollte, ist mir heute doch rätselhaft, liegen mir Glückstränen doch in sehr weiter Ferne. Manchmal, ganz im Vertrauen gesagt, stiehlt sich ein wenig Wasser in meine alten Augen, wenn alte Musik, festlich vorgetragen, den Raum verzaubert. Heute erlebe ich leider nur noch das kommerzialisierte Weihnachten, mit viel zu fettigem Essen, zu vielen Naschereien und einem übervollen Fernsehprogramm, das gern alte, selige Weih­nachts­er­innerungen heraufbeschwören möchte. Nur in den Pausen, wenn Küche und Television Atem holen, treten die alten, so jungen Gefühle und Kindheitserinnerungen deutlich spürbar in mein Bewusstsein und dann verstehe ich für einige Minuten den tieferen Sinn der Weihnacht, bin dankbar für die erlebten glücklichen Stunden im Kreise der Familie, die in meinem Fall so klein war, nur aus Mutter und mir bestand. Ich wünsche jedem solche, tief im Seelischen befestigten Erinnerungen.

Na dann, ein frohes Fest.