Der Autor: Heinz-Werner Schürmann

Er war Gefangener der Sozialtherapeutischen Anstalt in Gelsenkirchen. Er wurde 2008 zu sechs ein halb Jahren Haft verurteilt und starb überraschend 2013 in Haft eines natürlichen Todes. Mit dem Schreiben begann er in der SothA Gelsenkirchen und sein Vermächtnis sind ca. 2000 Seiten Geschichten, Texte Gedichte und (Gefangenen-) Zeitungsartikel, die in dem Zeitraum von 2010 bis 2013 entstanden.

 

Der Autor über den Autor:

Ende 2009 wurde ich, auch auf eigenen Wunsch, von der Zuteilungsstelle Hagen der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen zugewiesen. Wegen sexuellen Missbrauchs bin ich 2008 zu 6 1/2 Jahren Haft verurteilt worden. Im Jahre 1997 war ich nach langer Krankheitsphase in den Ruhestand versetzt worden. BurnOut, so die Diagnose des Nervenarztes. Meine Straftaten sind von meinem Sohn aufgedeckt worden. Seit diesem Tag bekam ich Medikamente gegen Depressionen, die ich auch in den Jahren zuvor schon häufiger benötigt hatte. Um das Verfahren, die anschließende Verhaftung, den Prozess und das Leben im Gefängnis durchstehen zu können, habe ich alle Gedanken an die Taten und die Folgen für das Opfer, tief in meiner Seele weggesperrt, habe nicht mehr gelebt, sondern nur noch als leere Hülle existiert. Äußeres Anzeichen meines Rückzuges von der realen Welt waren meine schulterlangen Haare. So gedanken- und sprachlos begann meine Therapie in Gelsenkirchen.

Nach der Phase des Einlebens in dieser, zu einem normalen Gefängnis so unterschiedlichen Einrichtung, begann ich mir Gedanken zu machen, wie ich die Zeit für mich am Besten nutzen könnte. Es war eine schwierige Zeit für mich, der Kopf, randvoll zugestopft mit Gedanken, Fragen, Ängsten und Sprachlosigkeiten. Zu dieser Zeit fixierte ich meine Denkprozesse auf die Frage "Wie konnte ich zum Straftäter werden?" und "Wer bin ich?" Das nur darüber nachdenken konnte, so war mir schnell klar, nicht wirklich erfolgreich sein. Ich begann mit der Planung für eine biografisch basierte Aufzeichnung meines Lebens, insbesondere der Niederschrift aller relevanter Erkenntnisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

Mein Wohngruppenleiter forderte mich zu dieser Zeit auf, ein Tagebuch zu führen. Damit begann ich und stellte bald fest, dass die schriftliche Aufzeichnung meiner Gedanken, Ängste und Befindlichkeiten einen sehr positiven Effekt besaß. Wie von einer Last befreit fiel mir jetzt die Teilnahme am Leben in der SothA um einiges leichter. Genug Ressourcen waren auf einmal da, um mich meinen Fragestellungen widmen zu können...

 

Die Betreuer über den Autor:

Wir (Beate Schmid-Große, Lehrerin und Jürgen Taege, Sozialer Dienst in der SothA-Gelsenkirchen) stellen hier kurz Werner Schürmann vor – oder noch besser: Wir lassen ihn sich selber vorstellen – so, wie wir es vermuten, das getan hätte:

„Ich, Werner Schürmann, bin vor Kurzem 65 Jahre alt geworden – nein, bin ich eigentlich nicht; denn ich lieg schon seit fast drei Jahren „unterm Torf“. Ich bin ein echter Ruhrpottler aus Bochum; aufgewachsen bin ich mehr oder weniger bei meinen Großeltern, da mein Vater, als ich gerade mal ein Jahr alt war, an seiner Kriegsverletzung gestorben ist.
In der Sozialtherapeutischen Anstalt in Gelsenkirchen war ich wäre ich beinahe vier Jahre gewesen, wenn nichts dazwischen gekommen wär – aber da war es mal wieder: einen Tag nach einem schönen Sommeranfang 2013 hat es mich erwischt – und ich war weg! Aus und vorbei! Dafür gibt’s aber immer noch meine Texte, von denen ja hier so einige präsentiert werden sollen.
Wem’s denn gefällt …“

So weit Werner Schürmann mit seinen (erdachten) Worten.

Ein Großteil seiner eigenen therapeutischen Arbeit bestand in einem schier unendlichen Schreibakt. Er war ein „begnadeter“ Schreiber und hat nicht nur uns hier in der SothA mit seinen schon erwähnten zahlreichen Texten erfreut. Dazu zählen vor allem: seine Biografie, die er mit Akribie betrieb, kurze Geschichten oder auch nur Bruchstücke von Geschichten, lustige, traurige, tragische, Gedichte, feinsinnige Betrachtungen, Jahresrückblicke undsoweiterundsoweiterundsoweiter.

„Bevor es zu spät ist -

Ich will aussagen, will darüber mit dir reden, kein Zeit Aufschub, keine Frist ist gesetzt. Ich will reinen Tisch machen, bevor es zu spät ist. Auch wenn niemand bereit ist zuzuhören. Niemand meine Gründe nachvollziehen kann. Ich will mich outen. Ich will Zeugnis ablegen. Ich will mich erklären. Ich will es allen sagen. Niemand wird mich aufhalten, mein Anliegen herauszuschreien.“

Manches scheint er geradezu vorweg genommen zu haben:
„Meilenweit liegt mein Ziel in der Ferne
Endlos weit bin ich von meiner Zukunft entfernt … (aus: Wege gehen)
Abschied nehmen gehört zum Leben
Wie Beginnen und Beenden …“ (aus: Abschied)

Und – wie es bei ihm heißt:
„Es ist warm unter dem Torf, der mein Grab deckt.“ (aus: AUS)

Wir bedanken uns bei KNASTKULTUR, dass Werner Schürmann drei Jahre, nachdem er sich davon geschlichen hat, zu Wort kommen kann.