„Wenn es nicht so traurig wäre …“

Literatur-Abend mit satirischen Texten aus der JVA Siegburg am 08. Mai 2015

Im Gefängnis bewegen sich alle nur gemessenen Schritts, die Augen nach unten gesenkt und mit todernsten Minen. Dies gilt für Bewohner und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichermaßen. Lachen ist verpönt, denn es ist mit der „Würde des Hauses“ und dem Anspruch der Institution, die Menschen erziehen und bessern will, nicht vereinbar. - So denken sicher manche Zeitgenossen, die das „Innenleben“ der Institution Gefängnis nicht aus eigener Anschauung kennen. Doch die Geschichten und Essays, die von Inhaftierten geschrieben und vom Gefängnisseelsorger Werner Kaser gesammelt wurden, und die Anekdoten, die von Bewohnern und in der Justiz Mitarbeitenden berichten, machten deutlich: Satire macht auch vor Gefängnismauern nicht Halt, denn ohne eine spöttische Bemerkung, einen ironischen Spruch, eine völlig überzogene Parodie oder einen von Herzen kommenden Lacher wäre der Aufenthalt für alle Betroffenen nicht auszuhalten. Er würde auf Dauer nur krank oder depressiv machen …

Dieser Blickwinkel auf die „Gefängnislandschaft“ ist zugegebener Maßen sehr ungewöhnlich. Die Besucherinnen und Besucher der Lesung, zu der der Katholische Gefängnisverein Siegburg e.V. eingeladen hatte und die von Ilona Kalbe, einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin, und Werner Kaser gestaltet wurde, ließen sich auf diesen „Annäherungsversuch“ in entspannter Atmosphäre - bei Tee und ausgezeichneten, im Gefängnis gebackenen Plätzchen - gerne ein.

Die Themen der Geschichten und Essays waren breit gefächert und führten von der Werbebroschüre eines PR-Managers für einen „exklusiven Urlaub im Kurhotel Gitterblick inmitten eines malerischen Panoramas“ über die Warnung, vor Weihnachten nie als Kirchenhaushausarbeiter (Küster) bei Herrn Kaser zu arbeiten bis hin zur Gebrauchsanweisung zum Verhalten nach der Haftentlassung. Mit den Anekdoten wurde die Stichhaltigkeit der These des Tierpsychologen Stefan Wittlin bewiesen, der behauptet hat: „Oft ist Satire Wirklichkeit. Noch öfter ist jedoch Wirklichkeit reinste Satire!“

Fazit: Insgesamt - wie von den beiden Akteuren vorab versprochen - ein kurzweiliger Abend, der absolut nicht traurig stimmte, aber auch nicht ins Banale abrutschte.

 

Beim nächsten Literatur-Abend werden unter dem Motto „Gemeinsam einsam“ am 04. September um 19.30 Uhr im Café Luise Texte der Preisträger des diesjährigen Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene vorgestellt.