SothA Gelsenkirchen: Zeitreise in die 70er und 80er

Ein Konzert hinter Mauern - aus der Sicht der Gefangenen...

Es war mal wieder so weit! Das Haus bot uns am 24.10.2017 ein musikalisches Event, welches von beinahe der Hälfte aller Insassen ganz offensichtlich auch gern in Anspruch genommen wurde.

Dieses Mal nutzte das Duo „Cruise Control“ die Gelegenheit, bei uns sein Gastspiel zu geben – übrigens das zweite innerhalb von drei Jahren. Einigen Gefangenen ist Sängerin Kati Ford ja bereits bestens bekannt. Sie ist in der Vergangenheit u.a. vor knapp 10.000 Besuchern auf einem Open-Air-Konzert aufgetreten, aktuell als Musiklehrerin tätig und so ganz „nebenbei“ Leiterin unserer Chorgruppe. Die Letztgenannten wussten also bereits im Vorfeld, welche „Stimmgewalt“ uns erwartet. Gitarrist und Sänger Gerry Cruise – ich habe ganz vergessen nachzufragen, ob dies ein Künstlername ist – war demnach für die meisten von uns ein Überraschungspaket. Und ich denke, niemand wurde enttäuscht.

Nach kurzer Anmoderation, die Kati in ihrer gewohnt lockeren Art meisterte, fand das Duo mit Tina Turners Simply The Best, die optimale Einstimmung. Ihre kräftige Stimme passte zu diesem Song wie die berühmte Faust aufs Auge und der Applaus fiel dann auch entsprechend aus. Es folgte ein Song mit einem sehr eingängigen und vertrauten Rhythmus: Tainted Love von Soft Cell. Manche können die Füße einfach nicht still halten …

Und weiter ging‘s mit den Bangles! Na, welches Stück wohl? Richtig! Walk Like An Egyptian. Oups, die Ersten trauten sich – wenn auch etwas verhalten – mitzusingen oder zumindest die Lippen halbwegs synchron zu beschäftigen. Dass David Bowie nicht nur Punk konnte, sondern auch Kommerz drauf hatte, bewies er 1983 mit Let’s Dance. Katis Interpretation war ebenfalls beeindruckend und verlieh dem Song einen besonderen Charme.

Eines mussten wir feststellen: Das Duo gab wirklich Gas! Mit Simple Minds Don’t You … (Forget About Me) und ZZ Tops La Grange wurde der musikalische Ausflug in die 80er fortgesetzt. Erneut zwei erstklassige Darbietungen mit verdientem Applaus. Ich weiß nicht genau, woran es lag, aber mit dem nächsten Stück löste sich bei den meisten Besuchern dann endlich die letzte Anspannung. Den kleinen Sprung ins Jahr 1977 habe ich jedenfalls nicht in Verdacht. Die „breitbeinigste“ Gruppe der Welt, Status Quo, gab in diesem Jahr mit Rockin‘ All Over The World ihr Bestes und ich erinnere mich daran, dass der Song damals rauf und runter gespielt wurde. Kati und Gerry verstanden es, für diejenigen, die das altersbedingt nicht selbst miterlebt haben oder den Song nicht kannten, eine Brücke ins Jahr 2017 zu bauen.

Und da ein Sprung bekanntermaßen oft nicht reicht – es ging noch etwas weiter. Mit Elvis Presleys Jailhouse Rock bewies Kati, dass sie sich sogar zum Hüftschwung traut. OK, nicht ganz so „provokant“ wie Elvis aber immerhin …

Weiter ging es mit Satisfaction von den Rolling Stones, ein Song, den wohl jeder hier im Haus kennt – Katis und Gerrys Darbietung war nicht minder fetzig. Außerdem sieht Kati nicht nur besser aus, sie ist auch bedeutend jünger als Mick Jagger! Gary Moore, da denken die meisten gleich an Still Got The Blues – jedenfalls ab einer gewissen Generation. Das Duo präsentierte uns allerdings ein nicht weniger einfühlsames Werk des Musikers, nämlich Walking By Myself, einen Song, den Kati und Gerry bereits seit 10 Jahren in ihrem Programm zur Aufführung bringen und nach eigener Einschätzung mindestens 700 – 800 Mal öffentlich gespielt haben. Heroes haben wir hier im Hause genug. Von weitestgehend anderen Helden sprach David Bowie allerdings 1977, als er den Titelsong zu „Christiane F.“ schrieb. Katis Interpretation verlieh dem Song nochmal eine eigene Persönlichkeit und mir ging das Stück dadurch ein wenig unter die Haut. Pausen scheinen die Beiden nicht unbedingt nötig zu haben. Im Gegenteil! Unerwartet schnappte sich Kati ein Saxophon, entschuldigte sich im Vorfeld für ein Tags davor eingetretenes Missgeschick – eine Luftklappe war abgebrochen und somit nicht die volle Oktave spielbar – und legte dann trotzdem los. Sie kann also nicht „nur“ singen! Bereits die ersten beiden Töne verrieten, um welches Stück es sich handelt: Gerry Raffertys Baker Street. Von einem Handicap war nichts zu hören; Improvisationstalent gehört also auch zu den Vorzügen des Duos – oder der nicht spielbare Ton wurde nicht benötigt. Wie auch immer, die Darbietung war 1a! Die Veranstaltung bewegte sich so langsam Richtung Feierabend, so jedenfalls die Ankündigung von Kati. Die anwesenden Mitglieder unserer aktuellen Musikgruppe spitzten wohl besonders die Ohren, als die ersten Gitarrenklänge des nächsten Songs ertönten: Knocking On Heavens Door von Bob Dylan – unverkennbar! Zeit, interaktiv mitzuarbeiten. Und Kati gelang es vortrefflich, etliche von uns tatsächlich zu animieren, die Chor- und Musikgruppenteilnehmer sowieso. „Knock Knock Knocking On Heavens Door … Knock Knock Knocking On Heavens Door“ hallte es im Chorus durch den Mehrzweckraum.

“Zugabe – Zugabe – Zugabe – Zugabe”! War etwas anderes zu erwarten? Wohl kaum! Die Beiden hatten es sich auf jeden Fall redlich verdient …

Die Toten Hosen und die Tage wie diese, nun wurde es also deutsch. Im Prinzip konnte hier jeder mitsingen, der Refrain ist allgegenwärtig. Falls Campino mal Verstärkung braucht, sollte er Kati anrufen.

Es folgte I Try von Macy Gray und wir alle waren wohl darauf eingestellt, dass dies der letzte Song des Abends sei. Weit gefehlt! “Zugabe – Zugabe – Zugabe – Zugabe”, schallte es erneut durch den Saal.

Und wie heißt es so schön: „Das Beste kommt zum Schluss“. Aber erstens ist das reine Geschmackssache und zweitens würde eine solche Aussage dem gesamten Abend nicht gerecht werden. Erneut reichten die ersten beiden Anschläge Gerrys auf der Gitarre aus, um das Stück zu identifizieren: Purple Rain von Prince, einem der größten musikalischen Genies der Rock- und Popgeschichte, darüber sind sich die meisten Experten einig. Katis Interpretation und Gerrys Gitarrenspiel waren einfach umwerfend. Und auch die über den Köpfen der Konzertbesucher schwingenden Feuerzeuge kamen ins Spiel – wenn auch nur imaginär. Ein wirklich krönender Abschluss!